Jakobsweg auf Japanisch?

Bereits bei meiner ersten Pilgerschaft 2007 am Camino Francés erzählte mir ein Japaner von einem Pilgerweg in Japan. Dieser sei älter als der Jakobsweg in Spanien. Er habe ihn nach seinem Ruhestand gepilgert und sei nun hier in Spanien unterwegs. Auch in den Herbergen in Spanien sah ich öfter Aufkleber „Walking for Shikoku 88 temples“ JAPAN.

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Es gingen viele Jahre und Wegekilometer bei mir ins Land…. 2017 sollte nun endlich meine erste Pilgerschaft „außerhalb des christlichen Glaubens“ stattfinden. Ausgerüstet mit Landkarte, Reiseführer und schnell angelernten 500 Wörtern Japanisch startete ich Ende April das Abenteuer Shikoku.

Der Legende zufolge soll der buddhistische Mönch Kukai (774-835) selbst den Pilgerweg begründet haben. Wissenschaftliche Nachweise darüber gibt es nicht. Wallfahrten dürften sich wohl erst ab dem 12. Jahrhundert entwickelt haben. Auf den 1.140 Kilometern im Uhrzeigersinn um die japanisch Insel Shikoku besuchen die Pilger (japanisch: Henor) „88 TEMPEL“. Diese wiederum sind unterteilt in vier Stufen der menschlichen Entwicklung: Erwachen, Askese, Erleuchtung und Nirwana. In einem in Stoff gebundenen Buch sammeln die Henro an jedem Tempel eine Kalligraphie und einen Stempel als Nachweis für ihre Pilgerschaft.

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Die Anreise zu Tempel 1 gestaltete sich sehr einfach. Vom Namba-Zentralbahnhof in der Metropole Osaka (Bild unten)

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fährt mehrmals täglich ein Linienbus nach Takamatsu City auf die Insel Shikoku. Dieser hält auf einer für Pilger eingerichteten Autobahnhaltestelle unweit von Tempel 1. Beim ersten Tempel befindet sich auch ein Informations-Center für die Pilger. Hier kaufen die Henro Hut, weißes Oberhemd, weiße Hose, Gebetskette, Glocke, Tasche, Stola, Stock, Pilgerbuch und Pilgerstreifen. Auch ein Reiseführer in englischer Sprache ist hier erhältlich. Ich begnügte mich mir dem Hut, dem weißen Oberhemd dem Pilgerbuch und dem Stock. Aus Respekt vor der mir fremden Religion wollte ich mich nicht zum „Kurzzeit-Buddhisten“ machen.

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Wie auf den Wegen nach Santiago, gibt es auch auf dem Shikoku-Weg viele freiwillige Helfer. Einer dieser „Pilgerberater“ nahm mich sofort mit in seine Haus und bot mir grünen Tee an. Dann besorgte er mir eine Unterkunft in einem Henro-House am Ort. Im Henro-House fand gleich ein reger Austausch zwischen dem „Herbergsvater“ und mir statt. Am späteren Nachmittag ging ich zurück zum Tempel Nummer 1 um meine Pilgerschaft offiziell zu starten. In kunstvoller Schrift wurde der erste Eintrag in mein Pilgerbuch gemacht. Wie der Zu-fall es wollte, war gerade ein Fernsehteam eines Lokalsenders vor Ort, die eine Reportage über die Shikoku-Pilger machten. Dem Reporter fiel sofort mein europäisches Aussehen auf. Ich erzählte von meinen vielen Fußkilometern in Europa auf Jakobswegen und durfte gleich eine TV-Interview geben.

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Nach der ersten Nacht sollte meine Pilgerschaft starten. Die 88 Tempel verteilen sich sehr unregelmäßig um die Insel. So waren am ersten Tag meiner Tour bereits 9 Tempel zu besichtigen. Die meisten Henro bewältigen den Weg heute mit dem Auto. Von den mehreren hunderttausend Pilgern pro Jahr sind wenige tausend zu Fuß unterwegs. Allerdings steigt der Zahl der Fußpilger und Fahrradpilger seit einigen Jahren kontinuierlich an. Die Wegemarkierungen sind vorbildlich. Erfahrungen hierfür holte man sich auch am Jakobsweg ins Spanien.

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Leider ist oftmals auf Teerstraßen zu gehen, die aber fast immer eine separate Spur für Fußgänger haben. Gefährlicher als der Straßenverkehr sind die giftigen Schlangen in den Wäldern. Wer darüber zu viel nachdenkt, sieht irgendwann in jedem Zweig eine Schlage. Aber gerade diese Wälder, mit dem vielen Bambus machen die Tour so einzigartig.

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In Japan wird man als Fremder mit unendlicher Herzlichkeit aufgenommen, jedoch wird es als sehr unhöflich empfunden, wenn man unangemeldet ankommt. Ich ließ mir immer vom Betreiber der Unterkunft das Zimmer für den nächsten Tag reservieren. Hierzu wurde oftmals lange wegen einer geeigneten Unterkunft telefoniert. Billige Sammelunterkünfte sind selten. In den Tempeln gibt es oft einfache Zimmer die gratis benutzt werden können. Jedoch Vorsicht: Kommt eine Pilgerin, haben die Männer das Zimmer zu verlassen und nächtigten dann im Freien!

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Am zweiten Tag durfte ich gleich meine erste harte Bergprüfung bestehen. Zweimal von Meereshöhe auf fast 800 Höhenmeter. Wunderbare Berge mit Tempeln auf ihren Gipfeln.

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Nach den Bergen folgt ein längerer Abschnitt entlang der Küste bis zum Kap Muroto. Wie nach Santiago fand sich gleich ein Grüppchen, das sich zu einer Pilgergemeinschaft zusammenschloss. Etwas Englisch spricht hier jeder Henro. Zusammen gingen wir dann entlang der Tosa-wan Bay zum Kap Ashizuri, dem südlichsten Ort der Pilgerschaft mit Tempel 38. Der Pilgerweg fährt jetzt wieder nach Norden. Bei Tempel 52 gibt es die Möglichkeit, die Jet-Fähre nach Hiroshima zu nehmen. Ausländer zahlen den halben Preis. In Hiroshima nächtigte ich im Santiago-Guest-House!

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Zurück auf der Shikoku-Insel geht es weiter nach Osten. Die Erinnerung an Hiroshima begleitete mich noch mehrere Tage. An den letzten Pilgertagen stößt man auf besonders viele Tempel (Nummer 66 – 88), aber auch auf besonders steile Wege. Tempe 88 (Bild unten rechts) ist wieder nahe Tempel 1 (Bild unten links).

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31 Tage Pilgerschaft: Schlafen, Gehen, Tempel-Besichtigung, Essen, Unterhaltung. Wir Jakobspilger kenne dieses einfache und doch so erfüllende Leben alle sehr gut. Es gab sehr harte und auch einfache Tage. Hinauf zu den Tempeln führen viele, viele steile Treppen. Wer bisher dachte, dass unsere Kreuzweg lang und steil sind, der wird sie nach Shikoku als sehr einfache empfinden. Ich traf auf viele nette Menschen mit denen ich über Facebook noch immer Kontakt habe. Lebensmittelgeschenke bekam ich fast jeden Tag. Europäische Pilger sind sehr selten, jedoch traf ich auch Schweizer, Holländer, Franzosen und Engländer.

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Besonders nett fand ich die Begegnung mit zwei buddhistischen Nonnen aus Südkorea. Sie erzählen mir unter anderem von ihren komplizierten Kontakten mit (Untergrund)-Tempeln in Nordkorea. Bereits am Hinflug musste ein beachtlicher Umweg wegen Nordkorea geflogen werden. Das Thema Nordkorea belastet die Menschen in der Region sehr. Immer wieder wurde auf unsere doch so geglückte Wiedervereinigung hingewiesen. Zum Schluss unseres längeren Gesprächs mit den Nonnen landeten wir natürlich bei unseren Religionen. Wir einigten uns darauf, dass Jesus und Buddha sehr große Persönlichkeiten waren. Wenn der Dialog zwischen den Religion nur immer so einfach wäre…..

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Von den 1.140 Kilometern musste ich rund 150 per Zug fahren. Mehr als fünf Wochen Urlaub wurden mir nicht zugestanden. Die sechste Woche fehlte mir einfach. Die vorgeschlagenen 45 Tage für die ganze Strecke wären notwendig, wenn man alle Rituale in den Tempeln mitmacht. Ich habe in Tempeln geschlafen, ich ging mit den Mönchen zum Essen und in den „Gottesdienst“. Sie erklärten mir sehr viel. Parallelen zu unserer Religion sind sicherlich viele vorhanden. Denkt man nur an die „goldene Regel“.

Das japanische Essen – mit täglich Fisch und Salat schon zum Frühstück – war für die sportliche Herausforderung gut geeignet. Jedoch täglich Reis waren mir irgendwann zu viel. Ich entdeckte Spaghetti-Gerichte im Supermarkt.

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Manche Pilger sagen, dass man das Erlebnis Santiago nur einmal erlebt, oder dass man nur beim ersten Mal wirklicher Santiago-Pilger ist. Ich kann dem irgendwie zustimmen. Aber hier auf Shikoku in Japan war es für mich wieder ein erstmaliges Erlebnis.

Mit meinen neuen japanischen Freunden bin ich noch in Kontakt. Es gäbe da noch den 33-Tempel-Weg, der auch zusammen erpilgert werden könnte….. Er soll aber noch etwas anstrengender sein…..

Die ganze Geschichte über meine Pilgerschaft auf Shikoku schreibe ich gerade als Buch. Es gibt viel zu erzählen!

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Der „bayrischen Henro“ Bürger in Japan…  

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