Die zwanzigjährige Laura pilgerte auf dem Jakobsweg.

Ein authentischer Bericht von ihr mit Bildern über ihre Pilgerwanderung von St. Jean Pied-de-port nach Burgos in Spanien

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1. Bericht St. Jean Pied-de-port – Pamplona (ca. 3 Tage)

Ich weiß noch genau wie verloren ich mich fühlte, als ich mit dem Zug von Bayonne in St. Jean Pied-de-Port ankam. Ich war eine von vielen, die in kurzen Wandershorts und knall-roten Rucksäcken aus dem Zug stiegen und sich gegenseitig mit ihren Stöcken halb aufspießten. Da jeder so gleich aussah und außerdem schon mit Pilgerführer bewaffnet seine Herberge suchte, gab es auch wenig Möglichkeiten sich den ein oder anderen Verbündeten zu suchen.

Eine anfängliche Einsamkeit, die zur Orientierung jedoch ganz nützlich und vor allem nur von sehr begrenzter Dauer war.

Vom Bahnhof aus ging ich durch das erst noch ziemlich langweilig anmutende Dorf und fragte mich, ob ich in meiner Wanderausrüstung wirklich so doof aussah wie ich mich fühlte und ob die Einheimischen nicht langsam genervt wären von so viel Pilgertourismus. Plötzlich jedoch fand ich mich im Zentrum wieder und wusste, ich bin am richtigen Ort.

Genau so sah das in dem Film von Hape Kerkeling ja auch aus. Die erste Jakobsmuschel begrüßte mich und eine nette ältere Dame, offensichtlich gerade vom Einkaufen gekommen, stand am Straßenrand und erklärte Pilger um Pilger den Weg zur richtigen Herberge und so auch mir den Weg zu meiner Unterkunft.

Da mein Vater Angst hatte, ich würde so spät abends keinen Platz mehr in einer Herberge bekommen, hatte ich für die erste Nacht eine private Unterkunft im Zimmer bei einer Anwohnerin gemietet. Im Nachhinein betrachtet halte ich diese Angst für unbegründet, denn auf meinem Weg wurde ich von keiner Herberge je abgewiesen. Anscheinend sind nicht viele Leute so verrückt, sich 30 km Wandern pro Tag im August anzutun, dem heißesten Monat Spaniens.

 

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Die Angst des Keine-Herberge-Findens brachte mich auch dazu am nächsten Morgen um 5:15 Uhr trotz strömenden Regens und im Dunkeln alleine loszuziehen, ganz nach der Devise „der frühe Pilger kriegt das Bett.“ Ich durfte bald feststellen, dass mein Plan schlecht durchdacht war, da ich a) keine Ahnung hatte wo ich wirklich hinmusste, denn die Beschilderung schien mir noch unübersichtlich, b) es dunkel und regnerisch war, was das Finden des Weges noch mehr erschwerte und c) natürlich kein normaler Pilger um 5:30 Uhr auf der Matte steht.

Es sind um 5:30 Uhr insgesamt eher wenige Menschen wach, die man nach dem Weg fragen kann, was einen weiteren Schwachpunkt meines Vorhabens darstellte.

Doch ich hatte Glück! Komplett durchnässt setzt ich mich in einen Hauseingang um meinen Wanderführer zu befragen, als ich ein weißes Auto durch die Gassen rasen sah. Das war meine Chance! Im Auto saß der bestriechendste Mann, den ich je kennenlernen durfte: Ein Bäcker, der gerade dabei war, seine Baguette an all die Herbergen zu liefern. Er erklärte mir den Weg, ich verstand zumindest die ungefähre Richtung und pilgerte eifrig drauf los, nur um zwei Minuten später wieder von ihm eingeholt zu werden:  „Hey, das ist eigentlich ziemlich gefährlich auf der Straße. So im Dunkeln und ganz allein, die Autos sehen dich ja gar nicht. Wenn du willst, bringe ich dich dahin wo der Feldweg anfängt!“

Zu gut riechenden Menschen sagt man nicht Nein und erst recht nicht bei strömendem Regen so früh am Morgen. Nach einer kurzen Fahrt und einigen Sekunden der Panik, in der ich dachte, vielleicht würde mich der Baguette-Mann ja doch entführen, ließ er mich aussteigen und deutet nochmal in die Richtung, in die der Weg mich führen würde. Dann rauschte das weiße Auto davon und ich stand am Anfang des Weges.

Manche Leute gehen auf den Jakobsweg, da sie im Dunkeln tappen und mit ihrem Leben nicht mehr weiter wissen. Ich für meinen Teil erledigte das mit dem „im Dunkeln tappen“ im wortwörtlichen Sinn, denn außerhalb jeglicher Zivilisation gab es nun auch keine Laternen mehr. Eigentlich war das ganz gut so, denn so lernte ich gleich am ersten Tag, wie man Probleme auf dem Jakobsweg löst: Schritt für Schritt. Alles wird gut, solange man einfach nur geht.

Irgendwann kam die Sonne raus und auch wenn ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, von der ein oder anderen Rentnergruppe überholt und angefeuert wurde, ging ich mein Tempo und kam 9 Stunden später in Roncesvalles an, wo schon Heerscharen anderer Pilger auf ein Bett warteten. Da ich auf meinem Weg bisher nur die erwähnten Rentner getroffen hatte, war ich etwas überrascht ob dieses stürmischen Andranges. Wie ich jedoch bald herausfinden sollte, gab es für die Etappe nach Roncesvalles zwei Routen: Die schwere über die Berge und die über die Straßen, für Leute wie Pensionierte und mich.

Beim Abendessen lernte ich meinen Weggefährten für die nächsten Tage kennen: Martin. Er wollte beim Barkeeper ein Ticket für das Pilgermenü erstehen, während ich meines gerne verkaufen wollte, da ich nicht so viel Hunger hatte. Da er so froh darüber war, lud er mich nach dem Essen zu einem Bier ein und erzählte mir sein Leben.

Fast hätte ich die Zeit übersehen – die meisten Herbergen schließen um 22:00 Uhr – so gut unterhielten wir uns und zum Schluss verabredeten wir uns für den nächsten Morgen, um ein Stück zusammen zu gehen. Er erzählte noch etwas von einem netten Jungen, den er kennengelernt hatte und der auch mit uns gehen wollte.

Unsere kleine Dreiergruppe stellte sich in den nächsten Tagen als die perfekte Mischung heraus. Ab und zu erweitert durch Kaori, ein Mädchen aus Japan, oder Yvonne aus Deutschland, blieben wir drei der feste Kern und trotzen zusammen der heißen Mittagshitze und ersten Fußschmerzen mit viel Gelächter und spannenden Gesprächen.

Auf unserem Weg lernten wir viele neue Leute kennen, mit denen wir die Abende in den Herbergen verbrachten, oder die uns halfen. So zum Beispiel Tatjana und Susi. Ich kannte die beiden schon aus der Herberge in Roncesvalles und wir trafen sie auf dem Weg nach Zubiri wieder, wo sie Tristan halfen, seine Wanderschuhe fachmännisch gerecht an seinem Rucksack festzubinden. Bei der Gelegenheit erzählten sie uns, dass Tatjana bald ihren 40. Geburtstag feiern würde: „In Pamplona! Ihr seid alle eingeladen und es wird groß gefeiert! Seid ihr dabei?“ „Na klar!!“, sagten wir euphorisch zu, wobei uns erst später auffiel, dass wir keinen Ort und keine Uhrzeit ausgemacht hatten und Pamplona eine große Stadt war.

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Als wir am nächsten Tag dort ankamen machten wir es uns in einer netten Herberge gemütlich und zogen dann los, um uns Verpflegung zu besorgen, wie von unseren Hospitaleros (Bernd und Wolfgang aus Köln) empfohlen wurde.

Nachdem wir einen Supermarkt gefunden und uns eingedeckt hatten, irrten wir quer durch die Stadt. Schließlich kamen wir auf einen großen Platz mit teuer anmutenden Lokalen, den wir überquerten, immer noch nach dem „Tabacos“ Ausschau haltend. Auf einmal brach Martin in lautes Gelächter aus: „Das gibt’s ja nicht!“ und deutet auf einen Tisch in der Menge der Lokale: Tatjana und Susi saßen da und rissen die Hände hoch. Wir hatten uns gefunden! Die beiden bestanden netterweise darauf, uns einzuladen und obwohl wir zunächst noch zögerten, versicherten uns die beiden:

„Wenn einem das Leben etwas schenkt, dann darf man es ruhig annehmen.“


2. Bericht Pamplona – Los Arcos (ca. 3 Tage)

Von Pamplona aus begann eine weitere Etappe auf dem Jakobsweg für uns. Das Schöne am Jakobsweg ist unter anderem die komplette Freiheit, die man empfindet. Man hat ja nichts zu tun, außer zu gehen. Alles andere findet sich, man muss nur einen Fuß vor den anderen setzen. Zu diesem Freiheitsgefühl kommen noch die wunderschöne Aussicht und die Begegnungen mit anderen Menschen – aber auch nur, wenn man will.

Zur Freiheit gehört nämlich auch Freiheit davon, sich immer Gedanken darüber zu machen, was andere von einem denken. „Hält der mich für eine Memme, wenn ich jetzt schon Pause mache?“, „Oh man, wie sehen denn meine Haare schon wieder aus?!“, „Muss ich mich jetzt mit den anderen an einen Tisch setzen, weil ich sonst zum Außenseiter werde?“, all diese Gedanken kommen einem kaum. Denn jeder ist zuerst für sich selbst auf dem Jakobsweg und hat deswegen vollstes Verständnis, wenn man einfach alleine sein will.

Mir hatten die Tage mit Martin und Tristan sehr gut gefallen, aber wir alle spürten, dass jeder wieder mehr in seinem eigenen Tempo gehen wollte; so ging Martin einfach grundsätzlich schneller und Tristan viel langsamer als ich. Morgens beschlossen wir zusammen, wo wir uns abends treffen wollten und dann ging jeder tagsüber seinen eigenen Weg. Das führte natürlich dazu, dass ich andere nette Leute kennenlernte. So zum Beispiel Bruce aus Amerika.65-jährig war er in Rente gegangen und wollte herausfinden, was er mit seinem weiteren Leben anfangen wollte. Gemeinsam redeten wir über Politik, Umwelt und Gesellschaft, alles in einem unheimlichen Tempo, denn Bruces Füße waren top trainiert und letztendlich überholten wir sogar Martin, was dieser nur mit einem ungläubigen Kopfschütteln quittierte

Ein kleiner Austausch mit Bruce ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Wir näherten uns einem Feld, an dem der Jakobsweg außen herum führte. Zahlreiche Pilger hatten sich jedoch schon einen Weg mitten durch das Feld gesucht. Bruce sagte: „Nun, Laura, schau dir das an! Der arme Bauer! Jedes Jahr muss er besonders viel Kraft aufwenden, um dieses Feld wieder neu zu bestellen und die ganzen Pilger latschen hier einfach durch!“
„Ja, kaum zu glauben. Da kommen die Leute, um 800 km nach Santiago zu gehen und können nicht die 200 m mehr gehen, um sein Feld nicht zu beschädigen!“

„…wir gehen trotzdem durch, oder?“

„Ja, klar.“

Dank Bruces schnellen Schrittes kam ich so früh wie noch nie an meinem Ziel, Los Arcos, an und er lud mich glatt auf ein Getränk in einem der Cafés ein. Inzwischen war auch Martin eingetroffen und hatte sich zu uns gesellt. Nachdem Bruce seine Tortilla verdrückt hatte, war er schon wieder auf seinen flinken Füßen, während meine mich anflehten, die nächsten 24 Stunden nicht mehr aufzustehen. So gaben wir uns die Hand und versprachen uns, mal wieder ein Stück unseres Weges miteinander zu teilen, falls wir uns wiedersehen würden. Was wir natürlich nicht taten.

Nach meiner Einschätzung ist Bruce schon längst dreimal in Santiago angekommen.

In Los Arcos trafen wir eine etwas größere Gruppe von Jugendlichen wieder und bei dieser Gelegenheit lernte ich zum ersten Mal Rosa kennen, eine junge Frau aus Italien, die seit zwei Jahren in Deutschland studierte. Wir waren die einzigen, die sich die Kirche ansehen wollten und waren erschlagen von so viel Schönheit, die man bei dem Äußeren schlicht nicht erwartet hatte.

Den Abend verbrachte ich dann mit Tristan, Martin, Vincent und Lucas sowie eine Spanierin in einem lustigen Misch-Masch aus Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch. Vincent, aus der Nähe von Paris, war der erste Totengräber, den ich in meinem Leben kennenlernen durfte und Lucas ist ein lebensfroher Brasilianer, der für mich ein einziges Vorbild ist: Liebevoll, Intelligent, lustig, spricht 4 Sprachen und ist auch noch Konditor! Dem introvertierten Teil von mir wurde so viel Geselligkeit jedoch dann auch zu viel und ich verabschiedete mich in mein Bett, um meine sozialen Batterien für den nächsten Tag aufzuladen – natürlich nicht, ohne vorher das obligatorische Selfie mit allen anderen zu schießen!

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3. Bericht Los Arcos – Logrono (1 Tag)

Von Los Arcos aus ging es über Viana nach Logrono und diesen Weg legte ich hauptsächlich alleine zurück. Ich machte eine längere Pause in der wunderschönen Stadt Viana, in der viele Pilger übernachten, um am nächsten Tag erst nach Logrono weiter zu gehen.

So zum Beispiel auch Tristan, dessen Fuß wehtat, sodass er sich in Viana ausruhte. Im Nachhinein hätte ich das auch gerne gemacht, da es dort gratis Theater und in der Herberge Essen satt gab! Auf der anderen Seite hätte ich dann nicht die netten Menschen kennengelernt, die ich auf meinem Weg nach Logrono getroffen habe. Kurz hinter Viana traf ich auf zwei Damen aus Großbritannien – Beth und Stacey -, die eine Wasserpause eingelegt hatten.

Wir kamen ins Gespräch und führten dieses auf den nächsten gemeinsamen Kilometern weiter. Beth – blond, Ende 40, alleinerziehend- hatte gerade ihre letzte Tochter aus dem Haus und wollte sich auf dem Jakobsweg überlegen, was sie jetzt tun sollte.

Sie würde gerne etwas Neues studieren und möglichst im europäischen Ausland, was, wie sie seufzend feststellte, bald nicht mehr so einfach möglich sein würde. Da ich mich einst dafür interessiert hatte und es mir bei unserem Gespräch in den Kopf schoss, meinte ich: „Wie wäre es denn, wenn Sie Psychologie in den Niederlanden studieren würden? Das hörte sich echt gut an.“ Die Britin schlug lachend die Hände zusammen und sagte zu ihrer Begleiterin: „Did you hear that? Oh- It’s another Camino-Coincidence!“, denn lustigerweise war genau das ihr Plan A.

Es stellte sich heraus, dass es auch für mich gut war, die beiden kennen zu lernen, denn während einer Pause, bei der wir die obligatorische Frage: „Und, wie geht es deinen Füßen?“ ausführlich diskutierten, rollte ich mein Hosenbein hoch und erklärte: „ Allzu viele Blasen habe ich nicht, aber meine Füße sind so komisch rot.“

Am Vortag hatte mir jemand erklärt, das könne eine Sonnenallergie sein, aber sicher war ich mir nicht.

Beth schlug wieder die Hände zusammen und fing an, in ihrem Rucksack zu kramen: „I know exactly what it is! I had the same!“ Sie fand eine kleine Sprühflasche, vom vielen Gebrauch fast leer, sprühte mir ein sehr angenehm riechendes und kühlendes Spray auf das Bein und fing an, es mir einzumassieren. Es war die reinste Wohltat! Sie erklärte mir, dass ich ein Problem mit der Durchblutung hätte, dass meine Venen überfordert wären und die kleinen Äderchen in meinen Beinen deswegen platzen würden, was die roten Flecken erklärte. Danach schrieb sie mir den Namen des Kühlungssprays auf und sagte: „Geh in die Apotheke und kauf es. Aber ein Tipp: Schau nicht auf das Preisschild!“

Danke Beths Spray fühlten sich meine Beine während der letzten Kilometer außerordentlich erfrischt an und während wir bei einer älteren Dame am Straßenrand ein Glas Wasser kauften, gesellte sich Georg zu unserer Gruppe. Georg kam aus Österreich und ich als Bayerin fiel ich im Gespräch mit ihm natürlich sofort in meinen schönen Dialekt zurück, was wir beide sehr genossen. So überredete er mich auch, zum ersten Mal in eine kirchliche Herberge zu gehen: „Geh bitte, jetzt hob i endlich a moi eban mit dem i dialekt ren ko. Da muast itz scha midkema!“ Ich stand kirchlichen Herbergen bis zu diesem Zeitpunkt eher skeptisch gegenüber, da ich vor dem inneren Auge einen eiskalten Kirchenboden oder schlimmer noch – Betten mit Läusen- sah.

Aber Georg meinte, es werde schon wohl nicht so schlimm sein und außerdem würde man zusammen kochen. Da man mich mit kostenlosem Essen noch immer überzeugt hat, ging ich mit ihm an den schönen modernen Herbergen vorbei direkt zur Kirche in Logrono.

Und wie gut, dass er insistiert hatte! In der kirchlichen Herberge traf ich Martin wieder und durfte die Bekanntschaft von Riho machen, einer jungen Japanerin, mit der ich mich sofort gut verstand. Das gemeinsame Kochen und Essen waren der Höhepunkt des Abends, ganz zu schweigen von dem herrlichen brasilianischen Nachtisch, den Lucas, der Konditor, für uns zauberte.

Nach der freiwilligen Abendandacht ließen Riho, Georg und ich den Abend bei philosophischen Gesprächen ausklingen, bis der Pastor vorbeikam und mit einem Augenzwinkern meinte, wir sollten doch jetzt lieber mal ins Bett gehen.

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4. Logrono – Belorado (ca. 3 Tage)

Der nächste Tag begann für mich nicht früh, nicht mit Gehen, sondern auf der Polizeistation. Und bevor jetzt alle aufschreien: Nein, nicht, weil ich dabei erwischt wurde, mir noch eine dritte und vierte Portion Nachtisch aus dem Kühlschrank zu stehlen.

Ich blieb mit Riho in Logrono, denn der Armen hatte man das Fahrrad geklaut, das ihr das Tourismus-Büro zur Verfügung gestellt hatte. Als sie mir am Abend davon erzählte, fragte ich einem spontanen Impuls folgend: „Soll ich einfach hier bleiben und mit dir zur Polizei gehen?“, was sie erleichtert mit einem Ja beantwortete. Der Pastor der kirchlichen Herberge erklärte sich bereit, uns zu helfen und fuhr uns zur Polizeistation in Logrono.

Deshalb begann der Tag für mich relativ spät, was mir mein Körper dankte. Lediglich um 6:30 Uhr wankte ich schlaftrunken aus dem Bett, um mich von Martin zu verabschieden, dessen lautes Lachen und Reden es ganz unmöglich machten, nicht zu wissen, wo er sich gerade aufhält und dass er gleich aufbricht. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sehen sollte, insofern war es das Aufstehen durchaus wert!

Wie sich herausstellen sollte, war meine Unterstützung rein moralischer Natur, denn Riho sprach sehr gut Spanisch und bereits um 11 Uhr vormittags hatten wir alles geregelt. Zwar wollten wir eigentlich den ganzen Tag in Logrono verbringen, aber da sich der Fahrradklau so schnell in Wohlgefallen aufgelöst hatte, beschlossen wir loszuziehen und einfach nur 13 km bis nach Navarrette zu gehen.

Ich hatte zwar schon eine SMS an Tristan geschrieben, in der stand, dass ich in Logrono bleiben und auf ihn warten würde, aber ich hatte plötzlich totale Lust bekommen, weiter zu gehen. So zogen Riho und ich uns unsere Schuhe an, bedankten uns noch einmal bei den freundlichen Hospitaleros, machten die Tür auf und – da saß Tristan, das Handy in der Hand, mit dem er mich vor einer Sekunde über seine Anwesenheit informiert hatte!

Wir fielen uns lachend in die Arme, was übrigens auch das letzte Mal sein sollte, dass wir uns trafen. Danach zogen Riho und ich los, durch Logrono, durch einen schönen großen Park und tauschten uns dabei kulturell aus. Ich formuliere das deshalb so gestochen, weil es in unseren Gesprächen hauptsächlich wirklich um Vorurteile ging, die es gegenseitig zu entkräften galt. So war Riho zum Beispiel der festen Überzeugung, dass Deutsche ihre Küche nie benutzen würden, aus Angst, sie dreckig zu machen. Und sie erklärte mir, dass man in Japan keineswegs auf der Arbeit so tut, als würde man schlafen, um so auszusehen, als wäre man von der vielen Arbeit ganz ermüdet.

Es war ein schöner Tag mit ihr, angefüllt von „Sag mal, wie ist das eigentlich….“ Und „Ist das wirklich…?“

Riho widersprach lustigerweise sogar dem größten Klischee, was man über Japaner vor Augen hat: Sie bekundete mit Pathos, den ganzen Jakobsweg lang kein einziges Foto machen zu wollen, „damit ich es im Kopf behalte und nicht auf dem PC.“

Am Abend kochten wir gemeinsam ein „japanisches Curry“, das wir mit einer herzensguten Dame aus Rumänien teilten. Die ganze Zeit über hatte ich auf eine Gelegenheit gehofft, mein spärliches Rumänisch auspacken zu können und Daria war so begeistert, dass sie endlich jemand verstand, dass sie gar nicht mehr aufhören wollte zu reden.

Riho war außer sich vor Freude, dass der Reis vom Vortag noch für das Frühstück reichte und obwohl ich der Sache zuerst optimistisch gegenüber stand, muss ich doch zugeben, dass Reis mit Gemüse nicht die Art und Weise ist, auf die ich meinen Tag beginnen möchte. Nach diesem jedoch zumindest gesunden Frühstück, schmissen Riho und ich uns in unsere Wanderkluft und begegneten Robert, ebenfalls ein Bayer.

Im Laufe des Tages trennte sich Riho von uns, da sie schneller ging, und Robert und ich setzten unseren Weg bis nach Azofra fort. Wir unterhielten uns nett, aber ich wusste, dass ich ihn nicht länger als einen Tag um mich haben wollte und wie sich herausstellen sollte, trug mein Gefühl mich nicht.

Abends saßen wir gemütlich mit ein paar anderen Deutschen zusammen, die ich eingeladen hatte, sich zu uns zu gesellen. Es war nett, es wurde Bier getrunken, als auf einmal das Gespräch und die Stimmung komplett kippte und die drei Männer anfingen, rassistische und nationalistische Reden zu schwingen. Ich widerstand dem Drang, einfach aufzustehen und wegzugehen, sagte ihnen schließlich klar meine Meinung, die der ihrigen komplett widersprach und verabschiedete mich. Es war kein schöner Abend für mich, da ich den Hass, den diese Leute in sich tragen nicht nachvollziehen kann und sie mir leidtun, dass sie eine solche Denkweise vertreten.

Ich trug mich den ganzen nächsten Tag mit dieser Traurigkeit und redete mit einer spanischen Englischlehrerin darüber, die ich auf dem Weg traf. Sie tat mir in dieser Hinsicht sehr gut, machte mir Mut, dass nicht alle Menschen so sind und brachte mich zu einer Herberge, von der ich wusste, dass die drei Männer dort nicht übernachten würden, da sie viel weiter gehen wollten.

„Ruh dich aus, lern neue Leute kennen und morgen ist wieder ein neuer Tag.“

Die wunderbare Dame sollte Recht behalten, denn in dieser Herberge traf ich Rosa wieder.

Wie  ihr Name schon sagt war sie eine schöne Besonderheit unter meinen Bekanntschaften, deren Sichtweisen und Input ich nicht missen möchte. Die nächsten Tage verbrachten wir gemeinsam und entwickelten dabei einen bemerkenswerten Gleichschritt, kurzum, wir waren ein gutes Team.

Auch traf ich die Gruppe um Yvonne und Timothy wieder, Gregor gesellte sich zu uns und meine letzten Tage durfte ich mit diesen lieben und lustigen Menschen verbringen, die mich ganz schnell auf andere Gedanken brachten.

Als wir in Belorado ankamen gönnten wir uns eine Herberge mit Pool und am Abend kochten und aßen wir gemeinsam, luden noch zwei ältere Herren ein, und genossen das Sprachenwirr-war aus Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch und Spanisch.

Timothy, unser Amerikaner, der nur Englisch sprach, saß am Kopf des Tisches und meinte zum Abschluss des Abends treffend: „Das ist eigentlich genau symptomatisch für Amerika: Man sitzt als Vorstand am Anfang des Tisches, beobachtet, aber eigentlich versteht man gar nichts.“

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5. Belorado – Burgos

Während meiner letzten Tage auf dem Jakobsweg fiel mir das ständige Gehen immer leichter. Zum einen hatte sich mein Körper wohl an die andauernde Anstrengung gewöhnt, zum anderen ließ sich die Sonne nicht oft blicken, was uns den Weg um einiges erleichterte. So gingen wir von Belorado aus weiter durch unendlich weite Felder und schließlich durch ein Waldgebiet, was eine willkommene Abwechslung war. Die Aussicht war herrlich, wir konnten in der Ferne sogar einige Berge entdecken, auf denen Schnee lag.

Vorbei am Denkmal zum Andenken der im zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten gingen wir eine der steilsten Etappen des Weges, auf der man – wie der Pilgerführer warnt – ganze 13 Kilometer durch kein Dorf mehr kommt.

Wohlgemerkt – kein Dorf. Die „Oase des Camino“ wird mit keinem Wort erwähnt und ist deshalb eine willkommene Überraschung, die auf der Mitter der anstrengenden Strecke gerade recht kommt. Es handelt sich dabei um ein paar Holzstümpfe und Bänke, auf denen man sich ausruhen kann, sowie eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, die gegen Spenden frisches Obst, Kaffee und Tee anbieten – eine wahre Wohltat!

Die Etappe endet normalerweise in St. Juan de Ortega, einem Dörflein mit gerade mal 20 Einwohnern, aber da uns der Sinn nach Großstadt stand, führten wir unseren Weg nach Agés fort, wo die Einwohnerzahl ganze 60 betrug.

Diese Strecke habe ich als eine der schönsten Erinnerungen, denn wenn man es schafft, sich beim Übersteigen der Kuhgatter keinen Fuß zu brechen, geht man sozusagen Hand in Hand mit friedlichen Kuhherden, die sich am Gras sattfressen.

In Agés aßen wir ein einem der beiden Lokale köstliche handgefertigte Pasta und stärkten uns damit für den nächsten Tag und den Weg nach Burgos.

Burgos war für mich die Endstation und somit sowieso schon ein aufregender Tag. Noch viel aufregender wurde er jedoch dadurch, dass offensichtlich zwei Routen nach Burgos führten: Eine direkt an der Straße entlang durchs Industriegebiet und eine durch ein Waldstück und einen Park. Wir waren demnach peinlichst genau darauf bedacht,  nur ja die richtige Route zu nehmen, aber offenbar hatten es sich andere Leute zur Aufgabe gemacht, dies zu garantieren: Ganze zwei Mal wurden wir von Fremden angehalten, die uns –unaufgefordert – minutiös erklärten, wohin wir zu gehen hätten. Und wenn wir ihnen klar zu machen versuchten, dass wir kein Spanisch sprachen, wiederholten sie ihre Anweisungen noch einmal extra laut und deutlich.

Das Schicksal war uns hold, denn ziemlich früh fanden wir uns in einem Park wieder, der den Anfang von Burgos bedeutete und mit einem Blick auf die Uhr beschlossen wir: „Wir machen jetzt keine Mittagspause, wir sind eh fast da.“

Dies war ein Fehler.

Man möge denken, ein Park wäre in ungefährer Nähe zur Stadt gelegen, aber wie wir herausfinden durften, zog er sich 4 Kilometer lang. Doch wir bekamen unerwartet Verstärkung von Mario, 78, einem Rentner, der jeden Tag eine große Runde in diesem Park spazieren ging und uns sicher Richtung Stadt lotste.

Auch als der gelbe Pfeil in eine andere Richtung wies, Mario insistierte und deutet uns den kürzesten Weg, um zur Herberge zu kommen. Ich war heilfroh anzukommen, da auf den letzten Kilometern meine Hüfte angefangen hatte, ziemlich weh zu tun, aber Rosa schaffte es noch mit letzter Kraft, mich zu motivieren, aufzustehen und mich ins Bett zu legen, wofür ich ihr sehr dankbar war.

An diesem Nachmittag tat ich meinen Muskeln etwas Gutes und dehnte sie, stellte fest, dass ich das von Anfang an hätte tun sollen, sah mir mit den anderen die Stadt an und fand auf wundersame Weise noch die Leute, von denen ich mich noch nicht verabschiedet hatte:

Ralf, von der Herberge in Pamplona, das Botschafterehepaar aus Kanada und Riho, meine Lieblingsjapanerin. Nach einem gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen ließ ich meine Kameraden ziehen, etwas traurig, aber dankbar für die schöne Zeit.

Und dann machte ich mich durch das morgendliche Burgos auf zum Flughafen. Wieder allein, immer noch dieselbe, aber doch irgendwie anders.

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