Alexander Bürger - auf einer seiner Pilgerreisen

Alexander Bürger – auf einer seiner Pilgerreisen

 

Interview mit Alexander Bürger, einem im besten Sinne von „Santiago-Virus infizierten“

wandern.de
Was brachte Sie zum Pilgern, Herr Bürger? War es wirklich das einmalige Erlebnis, von dem viele berichten?

Bürger
Ich war immer schon ein Globetrotter, ich bin um den ganzen Globus und über alle Kontinente gereist. Ich habe immer das Jahr über gearbeitet und dann versucht, in meine sechs Wochen Jahresurlaub das absolute „Maximum an Erlebnissen“ zu pressen. Das habe ich lange Zeit so praktiziert. Und dann traf ich eines Tages, als ich in Neuseeland auf eine Fähre wartete, in einer kleinen Kirche in Wellington auf einen Mann und unterhielt mich. Ich erzählte von meiner Reise, was ich alles gemacht hatte und was ich noch vor hatte zu tun. Und da stellte dieser Mann mir dann diese Frage: „Bist Du eigentlich sicher, dass dies für Dich der richtige Weg ist?“
Ich habe da eigentlich gar nicht direkt so sehr drüber nachgedacht. Aber irgendwie hat mich diese Frage nicht mehr losgelassen. Ich begann zu lesen: Das Buch von Harpe Kerkeling war gerade in allen Medien. Und in meinem Spanisch-Lehrbuch entdeckte ich ebenfalls ein Kapitel über den Jakobsweg. Ich bin ja als Kind christlich erzogen worden und hatte auch schon Assisi und Rom und Montserrat etc. gesehen – aber fuss-gepilgert hatte ich noch nie. Da beschloss ich, in meinem nächsten Urlaub nicht rund um die Erde zu fliegen, sondern auf dem berühmten Camino Francés zu pilgern.
Und ja, ich hatte dabei dann tatsächlich dieses intensive, „einmalige Pilgererlebnis“. Diese radikale Entschleunigung, die man erfährt, ist wirklich einzigartig.
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Seitdem sind Sie immer wieder gepilgert?
Bürger
Mich hat damals das „Santiago-Virus“ befallen. Ich habe mein Leben umgekrempelt: Heute arbeite ich weniger. Ich habe mir das günstigste Auto angeschafft, das man in Deutschland bekommen konnte – und Pilgern ist für mich lebens(er)füllend geworden. Ich bin mittlerweile mehr als 10.000 km gepilgert und habe dann aufgehört, die Kilometer zu zählen. Denn darum geht es ja auch gar nicht. Denn wenn auch dieses einzigartige, herausragende Erlebnis der ersten Pilgerung sich so auf den späteren Reisen vielleicht etwas abschwächt – etwas ganz Besonderes ist es doch jedes Mal: Man ist einerseits auf langen Wegen allein unterwegs, ganz auf sich gestellt. Gleichzeitig macht gerade dies aber auch Begegnungen notwendig – und es macht sie auch einfach.
Ich habe beim Pilgern immer das ganz starke Gefühl, „aufgehoben“ zu sein, bin stets von einer großen Zuversicht erfüllt, wenn ich unterwegs bin. In den Begegnungen tun sich ständig neue Chancen auf: Klappt etwas nicht, ist eine Unterkunft beispielsweise schon belegt oder geschlossen, so findet sich ganz sicher eine Lösung. Schlimmsten falls muss man vielleicht 10 km weiter gehen. Oft erhält man aber auch wunderbare Einladungen: Ein Physiotherapeut hat mich einmal in seiner Praxis auf der Massageliege übernachten lassen. Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft – das sind ganz tolle, intensive Erlebnisse! Und zu diesen Erlebnissen hinzu kommt natürlich das grundlegende, ganz intensive Erleben der Natur, wenn man zu Fuß unterwegs ist.
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Wobei heute ja nicht mehr ausschließlich zu Fuß gepilgert wird. Und auch nicht immer aus einem christlichem Hintergrund heraus…

 

Gruppenpilgerreise auf dem Camino Frances

Bürger
Es gibt auch Pilgern mit dem Fahrrad beispielsweise. Manche Pilgerwege sind durch parallele Fahrradrouten erschlossen. Dagegen ist gar nichts einzuwenden, wenn Menschen ihr Rad beladen und die ausgewiesenen Strecken im Sattel zurücklegen. Das kann sicherlich für viele ebenfalls eine echte Pilgererfahrung sein. Was ich aber ganz schrecklich finde ist, wenn Mountainbiker die Pilgerwege durch die Natur als ihre Rennbahn nutzen. Die lassen sich von Station zu Station fahren, setzen sich dann auf das Rad und machen ihre Tagesausfahrt. Das hat erstens rein gar nichts mit Pilgern zu tun. Und zweitens ist es für die wirklich Pilgernden auf den Wegen einfach grässlich, wenn da Mountainbiker durch die Natur rasen.
Albern finde ich auch das „amerikanische Modell“ des Pilgern, wo man von Station zu Station gefahren wird: Da wird der größte Teil des Weges im Bus zurückgelegt und man läuft am Tag dann nur ca. 5 km. Auch das hat nichts gemein mit einer echten Pilgerwanderung. Kann es ja gar nicht, ohne dieses Gefühl für den langen Weg, ohne die Chancen auf echte Begegnungen… Dabei muss man gar nicht aus einem tiefen religiösen Hintergrund heraus unterwegs sein. Jeder wird seinen eigenen Zugang finden. Es heißt ja: „man geht als Tourist los und kommt als Pilger an“. Entscheidend ist nur, dass man den kompletten Weg zu Fuß geht.
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Organisierte Pilgerreisen sind allerdings sehr beliebt, was halten Sie denn davon?
Bürger
Das finde ich eine gute Sache! Ich begleite selbst gern Gruppen und gehe auch gerne mit einer Gruppe. Beides hat seinen Reiz: Allein aufzubrechen oder in einer Gruppe zu gehen. Geführte Pilgerreisen haben ja auch Vorteile. Für viele Teilnehmer senkt es die Hemmschwelle, wenn sie wissen, dass alles organisiert ist. Zumal man in manchen Gegenden eh vor-reservieren muss, beispielsweise in Frankreich geht es sowieso nicht ohne Zimmerreservierungen.
Eine geführte Pilgerreise nimmt vielen Menschen einfach die Unsicherheit, beispielsweise aus Sorge, irgendwo allein vor einem Problem zu stehen und eventuell nicht weiter zu wissen. Ich persönlich habe ja immer eine große Geborgenheit und Zutrauen gespürt beim Pilgern. Aber ich hatte auch schon langjährige „Globetrotter-Erfahrungen“. Anderen Menschen fehlt diese Zuversicht erst einmal. Für die sind geführte Pilgerreisen wunderbar, denn sie können so viel entspannter pilgern.
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Und was ist mit der Einkehr, aber auch den neuen Begegnungen, wenn man in der Gruppe unterwegs ist?
Bürger
Es heißt immer, „der Camino verbindet so viele Menschen wie er trennt“. Und das stimmt! Dabei ist es völlig unerheblich, ob man in einer Gruppe geht oder allein. Hauptsache man geht! Aber eine Gruppe spendet auch Kraft, sie zieht ihre Teilnehmer mit. Und bei meinen geführten Touren lege ich zwischendrin immer wieder Schweigeeinheiten ein: Da wird dann die nächsten 5 km schweigend gegangen.
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Was raten Sie Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben pilgern möchten? Wie sollen die vorgehen? Einfach losgehen? Und welcher Pilgerweg empfiehlt sich für „Anfänger“?
Bürger
Ich rate dazu, nicht einfach loszugehen, sondern sich intensiv vorzubereiten. Das betrifft mehrere Bereiche: Zum einen sollte man sich informieren, was man unterwegs wirklich benötigt. Früher ging man mit 20 kg auf dem Rücken los. Man braucht im Grunde aber nur jeweils drei Garnituren, denn es gibt ja mittlerweile an den Strecken genügend Möglichkeiten zu waschen. Und durch die modernen Materialien sind die Packmaße und Gewichte sehr klein geworden: Ein wirklich gut wärmender Schlafsack ist heute noch so groß wie eine Getränkedose! Dasselbe gilt übrigens für Bücher: Ich gehe heute nur noch mit einem eReader im Gepäck los. Der ist sogar leichter als ein Buch und ersetzt gleich Dutzende! Das einzige, was er nicht gut ersetzt, sind Karten – da muss es schon noch Papier sein für mich. Die meisten Erst-Pilger gehen mit viel zu viel Gepäck los. Meine Vollausstattung wiegt heute weit unter 10 kg. Highttech-Pilger schaffen es sogar mit unter 4 kg!
Der zweite Punkt ist die eigene Kondition: Wer nicht gewohnt ist, ausdauernd zu wandern, sollte sich zunächst einmal testen und an größere Strecken herantasten. Am besten unternimmt man erst einmal an einem Wochenende eine Tageswanderung über 25 km, dann sieht man schon, wie man konditionell klarkommt. Wer noch Trainingsbedarf hat, der findet in Deutschland so viele Jakobswege, die man auch sehr gut in einzelnen Etappen begehen kann, bis man sich bereit fühlt für die große Pilgerwanderung.
Und schließlich würde ich jedem raten, im Vorfeld viel über den jeweiligen Pilgerweg zu lesen. Gut geeignet für „das erste Mal“ sind sicherlich der klassische Camino Francés, aber auch der Caminho Português ab Porto (Vorsicht beim Küstenweg, dieser ist sehr bergig). Der Camino Francés ist stellenweise vielleicht etwas überlaufen, aber das verteilt sich eigentlich ganz gut. Dafür ist er aber von der Versorgungslage her wirklich perfekt, überall hier gibt es gute Herbergen etc. Der portugiesische Jakobsweg ist ebenfalls gut markiert und verfügt über eine gute Versorgungsdichte. Abraten würde ich „Pilgeranfängern“ dagegen von Routen wie der Via de la Plata von Sevilla nach Santiago: Hier ist es extrem trocken und man braucht 7 l Wasser am Tag, was zusätzlich wiegt! Auch eine Alpenüberquerung, wie auf der Via Francigena nach Rom, muss ja nicht gleich als erstes sein. Generell würde ich auch von schlecht dokumentierten Wegen abraten. Mein Weg nach Rom war wirklich nicht einfach. Inzwischen sollen sich die Wegmarkierungen aber gebessert haben.
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Gibt es für die Vorbereitung bestimmte Bücher, die Sie empfehlen würden?
Bürger
Als generelle Einstimmung finde ich das „Tagebuch einer Pilgerreise“ von Paul Coelho sehr gut. Und bei den Reiseführern komme ich eigentlich immer auf dieselben Reihen zurück: Der Bergverlag hat in seinen Führern immer die besten Routen , die Outdoor-Reihe des Conrad Stein Verlags dafür die meiner Meinung nach besseren Beschreibungen.
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Herr Bürger, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch. Wohin wird sie Ihre nächste Pilgerreise führen?
Bürger
Im Sommer 2015 werde ich den Olavsweg in Norwegen gehen. Aber ich habe auch vorher noch einiges vor. Ich gehe derzeit den Münchner Jakobsweg in Etappen bis nach Lindau. Zudem gehe ich den Wolfgangweg, der ja durch meine Heimat Landshut führt, in 2015 als Gruppentour. Apropo: Mein Herzensprojekt ist es, Landshut an den Münchner Jakobsweg anzubinden. Hier stehe ich in Gesprächen mit dem Ziel, dass der offizielle Zubringerweg, der Hanna-Jakobsweg, der bislang nur bis Freising reicht, bis nach Landshut verlängert wird.

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Dafür wünschen wir Ihnen viel Erfolg!

 

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In Santiago de Compostela – und weiter geht’s…