Häufig genug ist es so, dass uns der Alltag mit seinen Anforderungen einzuengen scheint. Berufliche und private Verpflichtungen lassen bisweilen kaum Raum für die persönliche Entfaltung, stattdessen sorgt der (Termin)Druck für Stress. Damit er nicht zu dem bestimmenden Faktor wird, sollten rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen werden – zum Beispiel auf dem Weg raus in die Natur. Wandern in idyllischer Kulisse ist daher nicht umsonst ein inzwischen bei Jung und Alt beliebter Gegenentwurf zur alltäglichen Hektik.

 

Das Problem: Wenn Stress chronisch wird

Grundsätzlich ist Stress eigentlich kein Problem, im Gegenteil: Er ist in erster Linie ein Zeichen dafür, dass sich unser Körper für eine zu bewältigende Herausforderung wappnet. Die ausgeschütteten Stresshormone steigern dazu den Blutdruck, beschleunigen die Atmung und erhöhen die Aufmerksamkeit. Insgesamt versucht der Körper über diese Mittel die Leistungsfähigkeit zu steigern, in Situationen, die unser Potenzial ansonsten übersteigen können.

Problematisch wird diese Reaktion tatsächlich erst dann, wenn sie zu einem Dauerzustand werden sollte. Im schlimmsten Fall wandelt sich der eigentlich positive Stress (Eustress) zum negativen Stress (Distress), mit den entsprechenden Folgen für die damit verbundenen körperlichen Symptome – Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen und Störungen des Immunsystems sind nur einige Krankheitsbilder, die von Dauerstress ausgelöst werden können. Bleiben solche Warnsignale unbeachtet, drohen sogar Burnout oder Depressionen.

Chronischer Stress hat, ganz egal, wo letztlich die Ursache für ihn liegt, nicht nur in den gesundheitlichen Schädigungen, er hat dadurch häufig genug Auswirkungen auf das Berufsleben. Umso wichtiger sind frühzeitig ergriffene Gegenmaßnahmen, damit Körper und Geist wieder zur Ruhe kommen können.

 

Wandern zum Stressabbau: Eine ganzheitliche Lösung

Möglichkeiten, den ganzen aufgestauten Stress loszuwerden, gibt es selbstverständlich zahlreiche. Vielen Menschen hilft in solchen Situationen ein Gespräch mit Freunden oder Kollegen, meist geht es jedoch bei einem solchen Ausgleich darum, den Körper einmal vollkommen auszupowern. Beim Wandern hingegen besteht sogar prinzipiell die Gelegenheit für beides. Darüber hinaus bietet es eine wundervolle Gelegenheit, der alltäglichen Umgebung zu entkommen und auf diese Weise Neues zu entdecken – nicht nur in der erwanderten Landschaft, sondern möglicherweise auch an sich selbst.

Minimaler Einsatz, maximaler Effekt

In erster Linie bedeutet Wandern aber selbstverständlich Bewegung an der frischen Luft. Damit ist es nicht nur als Mittel des Stressabbaus geeignet, sondern zugleich eine gute vorbeugende Maßnahme. Gemessen an der Vielzahl von Jobs, in denen der Arbeitsplatz weitestgehend zu sitzender Tätigkeit zwingt, ist jedwede körperliche Betätigung umso wichtiger. Das Wandern hat gegenüber sonst so gerne betriebenen Sportarten mehrere Vorteile hinsichtlich der Voraussetzungen. Gehen ist die natürliche Form der menschlichen Fortbewegung. Es müssen keine komplexen Bewegungsabläufe erlernt werden.

Stabile und bequeme Schuhe, angemessen wetterfeste Kleidung – sehr viel mehr braucht es erst einmal nicht für das Wandern.

Stabile und bequeme Schuhe, angemessen wetterfeste Kleidung – sehr viel mehr braucht es erst einmal nicht für das Wandern.

Die Ausrüstung sollte zwar an die Umstände des jeweiligen Wandervorhabens angepasst sein, – sprich: Jahreszeit und die davon abhängige Witterung, die Länge der zurückzulegenden Strecke, der zeitliche Umfang und alle daran anknüpfenden Überlegungen bezüglich Verpflegung, Übernachtung etc. – aber wer nicht gerade einen mehrtägigen Trip plant, sondern in seiner Freizeit nur den Ausgleich bei einem kurzen Ausflug in die Natur sucht, braucht wirklich nicht viel. Und selbst auf längeren Touren ist Wandern ohne Gepäck problemlos möglich. Wer sich also ganz auf das Wandern an sich konzentrieren möchte, bekommt in nahezu allen europäischen Wanderregionen die Gelegenheit dazu. Die Schuhe sollten natürlich gleichermaßen stabil und bequem sein, wetterfeste Kleidung ist daneben auch kein Nachteil. Die Wanderungen dienen schließlich der Gesundheitsförderung und sollen nach Möglichkeit nicht das Gegenteil bewirken.

Wandern für Körper…

Vergleichsweise geringe Anforderungen an die Ausrüstung und den Stand der persönlichen Sportlichkeit sind allerdings lediglich Vorteile für einen leichten Einstieg in das Wandern. Wichtiger in puncto Stressabbau oder Vorbeugung sind die positiven Effekte, die sich durch die – möglichst regelmäßige – Ausübung ergeben. Von denen können übrigens Menschen mit den unterschiedlichsten körperlichen Voraussetzungen profitieren, von Patienten mit Diabetes- oder Burnout-Diagnose bis hin zu Asthmatikern und COPD-Patienten.

Wandern geht in die Beine, fordert und fördert aber den gesamten Körper.

Wandern geht in die Beine, fordert und fördert aber den gesamten Körper.

Die Bewegung wirkt umgehend auf die Regulierung des Herz-Kreislauf-Systems ein und stärkt es zudem. Die Sauerstoffaufnahme wird gefördert, Herz und Lunge werden dadurch in einem moderaten Rahmen gefordert. Durch das Wandern können die von Negativstress verursachten Herzrhythmusstörungen also eingedämmt werden.

Das regt natürlich auch die Durchblutung im Allgemeinen an, was wiederum besonders der Beinmuskulatur zu Gute kommt. Die profitiert ohnehin am meisten von den Wanderungen, nicht nur was den Aufbau von mehr Muskelmasse betrifft, sondern auch in puncto Elastizität. Das regelmäßige Training beugt so ganz nebenbei potenziellen Verletzungen wie Muskelzerrungen oder gar Muskelrissen vor.

Eine bessere Durchblutung erhalten auch die Arme, wenn sie beim Gehen mitschwingen. Ist kein allzu schweres Marschgepäck involviert, sorgt die Bewegung im Oberkörper gleichzeitig für mehr Entspannung im Schulter- und Nackenbereich – ein besonderer Vorteil für all diejenigen, denen die Bürotätigkeit regelmäßig Verspannungen einbringt.

Ähnliches gilt für die Stärkung von Bändern, Gelenken und Sehnen. Die erfolgt sehr viel schonender als beispielsweise beim Laufen, wo der intensivere Bewegungsablauf zwangsläufig zu einer größeren Belastung führt – langfristig können die Stöße, die jeder Schritt beim Joggen in den Gelenken verursacht, sogar ernsthafte Schädigungen hervorrufen. Wie schon erwähnt, können Läufer und Wanderer aber gleichermaßen durch geeignete Schuhe für eine weitere Unterstützung des Bewegungsapparates sorgen.

Es werden durch das Wandern aber nicht allein die Beinmuskeln trainiert, vielmehr macht sich die Bewegung an der frischen Luft auch in der Becken-, der Gesäß- und der Bauchmuskulatur bemerkbar. Zusätzlich wirken die Wanderungen über unterschiedliche Untergründe wie eine Reflexzonenmassage für die Füße: Ein weiterer Pluspunkt für Muskeln, die Wirbelsäule und die inneren Organe.

Wanderer aktivieren ihren Körper im Grunde genommen also sozusagen im Ganzen: Muskelaufbau, die Förderung von Herz und Kreislauf, die daraus resultierende Anregung des Stoffwechsels sind sicherlich für jeden Menschen eine lohnenswerte Aussicht. Schon alleine deshalb, weil die Stärkung von Konstitution und Gesundheit auf relativ einfache Art und Weise erreicht werden können. Stresspatienten haben darüber hinaus die Möglichkeit, ganz gezielt gegen die häufigsten körperlichen Beschwerden vorgehen zu können.

… und Geist

Natur pur statt Alltagshektik – Wandern bietet ein ganzheitliches Gegenprogramm zum sonstigen Stress.

Natur pur statt Alltagshektik – Wandern bietet ein ganzheitliches Gegenprogramm zum sonstigen Stress.

Nun ist Stress allerdings kein rein körperliches Problem, auch wenn sich viele Symptome auf dieser Ebene äußern. Sportliche Aktivität kann nicht nur gegen solche Beschwerden helfen, das Gefühl der Erschöpfung kann auch für den Kopf befreiend wirken. Es zwingt Körper und Geist dazu, zur Ruhe zu kommen, durchzuatmen. In genau solchen ruhigen Momenten, am besten inmitten der Natur, haben Stressgeplagte dann die Gelegenheit, sich neuen Perspektiven zu öffnen und neue Blickwinkel aufzunehmen. Für ein überbeanspruchtes vegetatives Nervensystem bedeutet das Entspannung und Anregung gleichermaßen.

Damit kommt das Wandern einer Meditation für unterwegs gleich, was einer der Gründe sein dürfte, dass das Pilgern entlang des Jakobsweges auch bei weniger religiösen Wanderern so populär ist: Die Auf- und Abstiege fördern immer neue Ausblicke zu Tage und die Umgebung kann mit allen Sinnen wahr- und aufgenommen werden. Besonders beim Bergwandern öffnet sich der Geist für die vor und unter ihm liegenden Räume. Auf der anderen Seite besteht so die Möglichkeit einer Rückbesinnung auf sich selbst. Zum einen durch die Erfahrung des eigenen Körpers, der durch die Bewegung gänzlich gefordert wird – was wiederum Glücksgefühle weckt und somit einen wichtigen Beitrag bei der Überwindung von psychischen Problemen leistet.

Abschalten, die Seele baumeln lassen und neue Perspektiven genießen – auch das macht Wandern aus.

Abschalten, die Seele baumeln lassen und neue Perspektiven genießen – auch das macht Wandern aus.

Zum anderen kann Wandern in jedweder Form einem unter Stress leidenden Menschen genau das Bringen, was in seiner gewohnten Lebens- und Arbeitswelt oft kaum noch zu finden ist: eine Entschleunigung des Alltags. Denn in der Natur fallen viele der sonst unaufhörlichen Stressfaktoren einfach weg. Wanderer können so der ständigen Erreichbarkeit entkommen, die in der Freizeit mittlerweile genauso selbstverständlich geworden ist wie im Beruf – keine Anrufe, kein Internet, keine Termine, Vereinbarungen oder Verpflichtungen.

Darüber hinaus sorgt die Natur schon ganz alleine für eine gewisse Entschleunigung, weil sie ein Ruhepol zur städtischen Hektik ist und weil sie nicht nur wegen ihrer optischen Reize, sondern auch wegen ihres ganz eigenen Rhythmus von Wetter und landschaftlicher Beschaffenheit einfach mal zum Verweilen zwingt. Wandern erfordert einen neuen Fokus, bei dem der Alltagsstress keinen Platz mehr hat.

 

Raus aus dem Stress

Anstrengung, die entlastet: Was unser Alltag oftmals nicht vermag, schafft aber das Wandern. Weil es ein so offenkundiges Gegenmodell zur alltäglichen, bewegungsarmen Hektik darstellt. Für Menschen mit akuter Stressproblematik ist Wandern daher reine, naturnahe (und natürliche) Therapie. Für alle anderen ist es eine effektive Form der Vorbeugung, damit es erst gar nicht so weit kommt. Ein Gewinn für Körper und Seele ist Wandern in jedem Fall.

 

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