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Wir waren wandern in den Berchtesgadener Alpen

Bergwandern mit Kindern ist ein Abenteuer, eine wahre Herausforderung am Berg.

Hat man das Ziel erstmal erreicht, ist alles gut. Die Anstrengung am Berg ist bald vergessen, aber die Erinnerung an diesen Tag bleibt, in allen Farben! … an Tage mit Fernsehen oder Smartphone werden sie sich später kaum erinnern…

Von Berchtesgaden aus fuhren wir über den Obersalzberg, hinein in die Berchtesgadener Alpen, zum Parkplatz Hinterbrand. Dieser liegt auf 1.100 m. Von hier kann man bis zur Mittelstation des Jenners locker wandern. Die Jenner Bahn wird derzeit neu gebaut und ist vollständig abgerissen worden. Das wussten wir nicht. Aber unsere Kinder wußten auch nicht, dass wir erwägt hatten, einen Teil mit der Bahn zu fahren, so für den Notfall oder anstatt des Abstieges…

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„Wo geht es lang?“ fragten die Kinder. Mein Mann und ich, die wir noch ahnungsvoll auf die Baustelle der Seilbahn blickten, sahen uns fragend an. Es war also keine Seilbahn da! Ich nahm mir ein Herz und sagte leichthin: „Dort hinauf!“ und deutete vage auf den Berg. Da zeigten verschiedene Schilder den Weg u.a. auch eines mit der Info: „ca. 1/2 bis 2 h bis zur Mitterkaseralm, die knapp unterhalb des Jennergipfels liegt.21105734_10214952277542783_8694146966485943175_n 21151592_10214952278342803_355929779945808239_n

Und so kletterten die vier Kinder und Jugendlichen (8-14) wie Gemsen den schmalen, noch schattigen Weg am Waldrand entlang hoch, immer wieder nach oben blickend, weil die Sonne schon in kleinen Streckenabschnitten auf uns herniederschien. Es würde ein wundervoller Tag werden, schön, aber bestimmt auch nochmal ein heißer, später Augusttag.

Schattige Plätze nutzten wir, um aufzutanken und die Kinder zu motivieren. Unser Jüngster war noch nie selbst auf einen Berg gestiegen und hatte alsbald das Gefühl, dass diese Aktion niemals enden würde. Kinder können da gnadenlos sein. Unterwegs trafen wir zwei junge Bergwanderer, die im flotten Schritt an uns vorbei nach unten eilten.21192457_10214952267422530_8443745158334657927_n 21151242_10214952266782514_8850640028994189052_n

„Frag sie, Mama, wie lange das noch dauert!“ forderte mich mein Sohn auf. Die Wanderer waren freundlich „Eine Stunde, wenn man „anschiebt“, dann packst das auch in einer dreiviertelten!“ sagte der junge Kerl und grinste uns fröhlich an. Von „Anschieben“ konnte man zu diesem Zeitpunkt nicht mehr reden und so habe ich den Kleinen ermuntert, immer wieder hundert Schritte zu gehen.

Hundert Schritte im Maß eines Achtjährigen sind nicht viel, summiert sich aber dennoch. Als unser Junge nur noch Berg sah und kein Ende, begann er laut zu raunzen und just in diesem Moment bekam er vom Berg Antwort: Ein Mankei! Er pfiff zurück und der Bub schaute verwundert nach oben, wo das Murmeltier stand. „Der mag es nicht, wenn einer raunzt….“ teilte man ihm mit und er hörte vorsichtshalber auf, da die schrillen Pfiffe des kleinen Bergbewohners über Berg und Tal hallten. Doch es gab auch viel zu sehen, Kühe und Pflanzen, Kuhfladen mussten umgangen werden, ein Mittagessen auf der Mittelkaseralm war schon versprochen worden.

Man sollte als Eltern nicht zu schnell jeden Trumpf ausspielen. Irgendwann antwortete ich nur noch: „Ungefähr zwanzig Minuten“ auf die leidige „wie-lange-noch“-Frage. Die Mädels marschierten fröhlich zwitschernd voraus. Die Zwillinge das Smartphone für Schnappschüsse im Anschlag. So ein neumodernes Telefon kann schon auch seine Vorzüge haben.

Als wir dann auf einer breiteren Bergstraße ank21231165_10214952279262826_263931894675530054_namen, stellte mir mein Jüngster abermals die „wie-lange-noch“-Frage und ich antwortete automatisch ohne groß nachzudenken „Zwanzig Minuten“. Es ging relativ steil bergan, man wollte ja auch auf den Gipfel! Die Sonne brannte nun gnadenlos, da es schon auf Mittag hin ging. Das „Ich sprüre die Elemente-Spiel“ machte auch keinen Spaß mehr, denn das Element Feuer war wie gesagt, nun ununterbrochen zu spüren. Schlicht und ergreifend, im Kopf meines Buben machte sich Verzweiflung bereit und er sah das Ende seines Lebens hereinbrechen.

„So jetzt reicht es aber!“ rief er entrüstet aus und stemmte seine Hände in seine schmalen Hüften. „Die zwanzig Minuten sind wir schon gegangen! Ich gehe jetzt zurück!“ Sagte es und marschierte im Stechschritt, hindurch durch andere Aufwärtsstrebende, hinunter Richtung Tal. Ein Vater, der zwei kleine Mädels den Berg hochzog, grinste und sagte: „Wenn er Durst hat, kommt er wieder!“ und die Mutter meinte: „Ja gut, dass es bei euch auch so ist!“ und warf einen Blick in Richtung ihre Kinder, die müde am Vater hingen. Ich sagte nichts und hoffte.

Die anderen Mitglieder meiner Familie stiegen fröhlich weiter bergan, ich aber, hinundhergerissen zwischen der Option, dem Jungen hinterherlaufen oder einfach mal tief durchzuatmen, stand da und war ratlos. Aber genauso schnell, wie er den Berg hinunter gerannt ist, kam er jetzt wieder zurück. Mit gesenktem Haupt und irgendwie stinksauer wirkend. Er hatte es sich gottseidank anders überlegt. Mein Mutterherz hüpfte und schwoll an, er ist nicht verloren! Sein Vater sah mich mitfühlend an und meinte „Na also, geht doch. Wenn er die Energie hat, die Strecke zweimal zu gehen, kann es noch nicht so schlimm sein.“ Sagt es, klopft mir liebevoll auf die Schultern und marschiert weiter. Mein Mann war sich sicher, dass ich mit der Situation alleine fertig werden würde.

Mittlerweile kam der Kleine also wieder daher gestapft. „So, Mama, das sage ich dir, wenn es länger als zwanzig Minuten dauert, habe ich mir überlegt, dann gehe ich zurück!“ Seinem Unmut Platz gemacht, nahm er mich am Handgelenk, stellte an meiner Uhr die Stoppuhr ein und schaute mir fest in die Augen. Äußerlich nicht ganz auf Augenhöhe, innerlich allemal. „Eine Chance hast du noch: Zwanzig Minuten!“ Ich schmunzelte innerlich über so viel Nachdruck, sah ihn aber ernst an und nickte, ich wußte um seinen Seelenkampf, war ich doch auch einmal ein Kind. Ich wußte aber auch, dass mein Kind konsequent ist und den Rückzug im Zweifelsfalle durchziehen würde.

Nun war ich selbst gespannt, ob wir das letzte Stück in dem jetzt eng vorgegebenen Zeitrahmen schaffen würden. „Zwanzig Minuten“, was man nicht so alles leichtfertig dahin sagt! Aber siehe da, nach genau 12 Minuten, Zwischenkontrolle nahm mein Sohn selbst vor, sahen wir die Mitterkaseralm. Und wie war ich froh, diese Berghütte zu sehen! Sie liegt auf 1.705 m, knapp unterhalb des Jenner-Gipfels (1.874 m) und des Schneibsteinhauses sowie des Stahlhauses, die man alle drei in gut einer halben Stunde von hier aus erreichen könnte, das sagten zumindest die Schilder.

Ein anderes Schild, mitten auf dem Weg, versprach Schiwasser und Kaffee. Genau das brauchte ich zu diesem Zeitpunkt und Ruhe. Und der achtjährige Hosenmatz hüpfte plötzlich ein-zwei-drei im Hopsaschritt die letzten paar hundert Meter auf die Hütte zu. Da lachte ich und war froh, dass wir den Ausflug gemacht haben, auch wenn unser Aufstieg länger als zwei Stunden gedauert hatte. Bergwandern mit Kindern 001

So saßen wir nun zufrieden in aller Einheit im Schatten eines Sonneschirmes, mit Blick auf den Jenner und aufs Hohe Brett. Die letzten hundert Höhenmeter bis zum Gipfel schenkten wir uns, da wir auch den Abstieg noch vor uns hatten. Vergessen war das Ultimatum, vergessen der ganze Kinderfrust. Er trank nun, wie alle, sein Schiwasser, aß eine Kleinigkeit und lachte mit seinen drei Schwestern. Vor dem Abstieg kratzten sich unsere Kinder gegenseitig die Schuhe sauber, es war wohl nicht jeder Kuhfladen umgangen worden.

21192333_10214952277062771_8173895019708668513_nWir stiegen fröhlich miteinander plaudernd wieder bergab, Blick auf den Watzmann, 2.713 m, das dritthöchste Bergmassiv Deutschlands, (nach Zugspitze und Hochwanner), der höchste Berg der Berchtesgadener Alpen. Wir entdeckten auch einen Teil des 1.200 m tieferliegenden Königsees. Der Himmel war blau, die Berge massiv, um uns herum der grüne Wald. Da lacht das Herz und die Kinder fanden es nun ganz und gar nicht mehr schlimm. Ging es ja zurück. „Bergab ist irgendwie leichter als bergauf! Auch wenn ‚es geht jetzt bergauf‘ positiver bewertet wird“ philosophierte unsere elfjährige Tochter. 21230988_10214952266302502_9219398349501607620_n

Wir waren angenehm müde, als wir nach gut anderhalb Stunden wieder auf dem Parkplatz ankamen. Und da sahen wir dann auch das Schild, auf dem Parkautomaten klebend: „Die Jennerbahn ist bis Jenner 2018 geschlossen!“ Gut, dass wir das nicht vorher entdeckt haben, die Wanderung war wirklich wunderschön gewesen und bekam von fast allen Familienmitgliedern die meißten „Daumen-hoch“ in der „Highlight“-Liste der Ferien!